Feministische Ökonomie der Öffentlichen Finanzen nach der „Zeitenwende“: Einnahmen und Ausgaben des Staates unter dem Aspekt der Geschlechtergerechtigkeit
In Deutschland tobt eine hoch brisante und kontroverse Diskussion um die Haushaltspolitik der Regierung. Entlang der Stichworte: Sondervermögen, Schuldenbremse, Senkung der Sozial- und Erhöhung der Rüstungsausgaben einerseits und fehlender Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, Verknappung der öffentlichen Daseinsfürsorge und mangelndem Erhalt und Ausbau der kommunalen Dienste auf der anderen Seite wird die Konfliktlinie deutlich: Welche Funktion hat ein öffentlicher Haushalt in einer Strukturkrise?
Öffentliche Haushalts- bzw. Budgetplanung ist in Zahlen gegossene Politik. Finanzielle Mittel und Ressourcen werden den politischen Zielsetzungen und damit verbundenen Maßnahmen zugeordnet. Welche tatsächliche Wirkung Verteilungsentscheidungen haben, wird in Deutschland, im Unterschied zu anderen Ländern, allerdings selten untersucht.
Ins Zentrum unserer Fachtagung wollen wir die Frage nach der Geschlechtsblindheit der öffentlichen Haushalte stellen. In der Steuerpolitik und bei den Ausgabenentscheidungen wird selten bis gar nicht diskutiert, welche Auswirkungen diese auf die Lebensverhältnisse von Frauen und Männern haben. Dabei geht es nicht nur um den Ausbau von Kinderbetreuung, denn auch die Entscheidung, welche Verkehrswege ausgebaut werden, wie sicher öffentliche Räume gestaltet sind oder welche Infrastruktur für pflegende Angehörige zur Verfügung steht, hat unterschiedliche Auswirkungen auf die Lebensbedingungen und -führung der Geschlechter.
Nach GG-Artikel 3 Satz 3 ist der Staat aufgefordert die Geschlechtergerechtigkeit aktiv zu fördern. Der richtige Ort dafür ist der Haushalt. Gender Budgeting setzt bewusst geschlechtsspezifische Ziele und fordert die Evaluierung der Wirkung von Maßnahmen ein.
Daran wollen wir bei der efas-Tagung am 4.12.2026 in Berlin mit folgenden Fragen anknüpfen:
– Was wissen finanzwissenschaftliche Expertinnen über die Verteilungswirkungen öffentlicher Haushaltspolitik?
– Welche Akteure – Bund, Länder, Gemeinden – profitieren bzw. verlieren und welche Auswirkungen hat das auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen?
– Welche Schwerpunkte werden im aktuellen Sondervermögen gesetzt und was lässt sich daraus für dessen Gender Impacts ableiten?
– Gibt es Beispiele auf Bundes-, Länder- oder Gemeindeebene, die – trotz der restriktiven Rahmenbedingungen – zur Geschlechtergerechtigkeit beitragen?
– Können wir positive Impulse von der Europäischen Kommission und ihren Instrumenten erwarten?
– Wie bewerten wir die diversen Vorschläge, die diskutiert werden, von der Abschaffung der Mitversicherung in der Krankenkasse bis zum Ehegattensplitting?
– Was müssen die zentralen Forderungen einer feministischen Finanz- und Steuerpolitik sein?
Wir möchten auf der Tagung nicht nur eingeladene Expertinnen zu Wort kommen lassen, sondern rufen mit diesem call for papers alle Interessierten auf, Vorschläge für Kurzvorträge (10 Minuten) in Form eines Abstracts einzureichen.
Darüber hinaus wird es bei der Tagung – wie in jedem Jahr – das thematisch offene Forschungsforum geben, das insbesondere Nachwuchswissenschaftlerinnen die Möglichkeit eröffnet, laufende oder kürzlich abgeschlossene Forschungsarbeiten – entweder als Vortrag oder als Poster – zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen.
Wir freuen uns über eingereichte Vorschläge/abstracts bis zum 15.9.2026 an info@efas-netzwerk.de